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Präsent in einer schmerzlichen Realtität - Interview mit Sr. Carolin Romero aus El Salvador

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Liebe Carolin, bitte stell dich in zwei bis drei Sätzen vor! 

Wow!! Das ist gar nicht leicht für jemanden, dem es Spaß macht zu erzählen, zu schreiben und viel zu kommunizieren. Trotzdem versuche ich es mit einem Bild: Eine Frau auf dem Weg, die die Landschaft genießt, den Wind, die frische Luft und sich an allem erfreut, was der Weg ihr schenkt.   

Wie lange bist du schon MSC-Schwester? 

Ich bin seit 20 Jahren in der Ordensgemeinschaft, seit ich mein Zuhause verlassen habe. Offiziell bin ich MSC-Schwester seit 16 Jahren, seit ich meine ersten Gelübde abgelegt habe.  

Wie war dein Weg in die Gemeinschaft? Was waren wichtige Stationen, Momente und Erfahrungen für dich? 

Ich habe die MSC-Schwestern durch eine Freundin kennen gelernt. Mit ihr bin ich gemeinsam zur Schule gegangen und sie erzählte mir immer von der Arbeit, die die Schwestern in ihrer Pfarrgemeinde machten. Es fällt mir schwer, einzelne wichtige Erfahrungen auszuwählen. In den 20 Jahren sind es so viele geworden… 

Ein menschgewordener Gott

Mein erstes Jahr in der Ordensgemeinschaft hat mich einen menschgewordenen Gott finden lassen. Das Missionsgebiet der MSC-Schwestern in El Salvador ist eine sehr arme Gegend. Einen Monat, nachdem ich zu den Schwestern gezogen bin, gab es dort ein Erdbeben, das viele arme Familie sehr hart getroffen hat. Sie verloren ihre Häuser und von der Pfarrgemeinde aus besuchten wir diese Familien, um eine Volkszählung durchzuführen und herauszufinden, wie wir helfen konnten. Bei diesen Besuchen lernten wir eine sehr arme Familie kennen, die eine kleine Tochter von zweieinhalb Jahren hatte. Aber dieses Mädchen war durch Unterernährung so geschwächt, dass es noch nicht einmal krabbeln konnte. Sie sah viel kleiner und jünger aus. Das hat mich sehr erschrocken, eine derartige Situation hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte zuvor immer geglaubt, dass es so etwas nur in anderen Ländern gäbe, auf keinen Fall so nah an meinem Zuhause. Ich stamme aus einem sehr armen Stadtviertel in El Salvador, aber ein Kind mit so schlimmer Unterernährung hatte ich noch nie gesehen. Danach erlebte ich wie die Schwestern meiner Gemeinschaft aktiv wurden und eine besondere Milch für das Mädchen besorgten und sie langfristig in ihrer Entwicklung unterstützten. Das war für mich sehr beeindruckend. Nach und nach begegnete ich noch mehreren krassen Situationen schwerwiegender Armut in meinem näheren Umfeld. Deswegen sage ich heute: ich bin einem menschgewordenen Gott begegnet, der mich dazu rief in seinem Projekt mitzuwirken. 

Von der Kunst menschliche Beziehungen zu führen

Die Internationalität im Gemeinschaftsleben meiner Ordensgemeinschaft ist ebenfalls eine sehr wichtige Erfahrung für mich. In meinem Ordensleben habe ich mit vielen Schwestern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalität zusammen gelebt. Und jenseits unserer Differenzen konnte ich erfahren, dass es Gott ist, der uns zusammen ruft in einer Mission, die über die Schwierigkeiten des täglichen Zusammenlebens hinausgeht. Wir suchen gemeinsam nach einem größeren Gut und das bedeutet, dass wir uns fragen: Was will Gott von uns? Was können wir tun, um auf diese Situation zu reagieren? Dieses Vorgehen beeindruckt mich immer noch. Weil wir versuchen in der Praxis umzusetzen, was uns von anderen Gruppen unterscheidet. Mit dieser Erfahrung wachsen wir täglich. Menschliche Beziehungen zu führen wird immer eine Kunst sein. Für mich ist es es wie tanzen, wenn die Personen unterschiedliche Rhythmen spüren und versuchen einen gemeinsamen Ton zu treffen. 

Das Leiden der Menschen weist den Weg

Zu guter Letzt prägt mich die Erfahrung mit den einfachen und armen Menschen. In den vielen Jahren als Ordensfrau konnte ich erleben, dass die verletzlichsten Menschen diejenigen sind, die meinem Leben als MSC-Schwester einen Sinn verleihen. Sie sind es, die mir den Weg weisen wo das Reich Gottes wächst und uns dazu aufruft wirksam zu warden. Das Leiden der Armen stellt mich in Frage, lehrt mich und bringt mich auf den Weg. Wenn Jesus in seinem Gleichnis vom barmherzigen Samariter davon spricht, dass ein Samariter des Weges kam und Mitleid mit einem halbtoten Mann, der überfallen worden war. Der Samariter sah noch das Leben in diesem Mann, deswegen half er ihm. Er sah die Möglichkeiten dieses Menschen, nicht den Tod. Diese verwundete und verletzte Menschheit sagt mir und sagt uns, dass wir dazu gerufen sind hinzuschauen und etwas für unsere Nächsten zu tun. An den verschiedenen Orten, an denen ich als Missionarin sein durfte, konnte ich feststellen, dass wir - unabhängig von Hautfarbe, Sprache oder anderen scheinbar unterscheidenen Aspekten – gleicher wind als wir denken. Leid, Hoffnung und Liebe sind universell. Ich bin Gott dankbar für die Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Personen, weil ich durch sie als Person und als MSC-Schwester wachsen konnte. 

Wie würdest du deine persönliche Spiritualität beschreiben? 

Uff. Das ist noch so einen schwierige Frage. Es fällt mir schwer meine erlebnisse im Worte zu fassen. Ich würde meine spirituelle Erfahrung in Bildern beschreiben: Eine Wasserquelle, eine Sinfonie, ein Tanz. Mein ganzes Leben lang, mein ganzer Prozess als menschliches Wesen, als Frau, als Ordensschwester habe ich verschiedenste Situationen erlebt. Und die spirituelle Erfahrung wandelt sich, wird mit der Zeit klarer, manchmal mehr, manchmal weniger intensive und manchmal müssen wir einfach weitergehen im Vertrauen auch wenn um uns herum dunkle Nacht herrscht. 

Spiritualität als Quelle

Die Wasserquelle in meiner spirituellen Erfahrung hat mit allem zu tun, was Gott von Innen ereuert hat. Es ist dieses frische Wasser, das begann zu fließen, als ich persönlich IHM zum ersten mal begegnet bin. Auch in den Momenten der Verzweiflung weiß ich, dass ER da ist. Ich kann das Plätschern des wassers hören, auch wenn ich es nicht sehe.  

Spannungsvolle Stille 

Spiritualität ist für mich wie eine Sinfonie, wie wenn das Orchester seine Instrumente gestimmt hat und nur noch das Licht am Notenpult eingeschaltet ist und alle warten, dass der Dirigent erscheint. Dann wird geklatscht und erneut, wenn der Dirigent seinen Taktstock hebt, wird alles still. Diese STILLE ist SPANNUNG, weil man nicht weiß, wie das Stück beginnen wird. So erlebe ich auch die Spannunsmomente in der spirituellen Erfahrung. Gott ist immer größer, du weißt nicht, wohin sein Geist dich führen wird. Du musst einfach da sein und warten. Und die Stille genießen, den sie ist Teil der Musik. Diese Spannung, die mir sagt: “Vorsicht Carolin, du hast keine Kontrolle, sei frei, höre hin…” Das ist wunderschön!!! Weil diese Momente mein Bild von Gott klären und spirituell den Übergang in eine neue Etappe bedeuten. Das Bild gibt mir auch in dieser Zeit viel Sinn, den in der Realität von Covid-19 leben wir einen Moment der Anspannung. Wir erspüren ungefähr was passieren wird, aber niemand hat irgendeine Sicherheit von irgendetwas. Dieser historische moment der Anspannung der Menschheit ist wie ein großer Aufruf zu HÖREN was Gott uns in genau diesem geschichtlichen Augenblick bittet.  

Getragen vom Rhythmus

Letztlich ist Spiritualität für mich ein Tanz, den ich liebe es zu tanzen. Und um zu Tanzen, muss man hören und sich vom Rhythmus tragen lassen. Ich glaube, dass spirituelle Erfahrung so funktioniert. Sich durch eine schöne Musik (das Leben des Geistes) tragen zu lassen, sie lässt dich fließen und das Beste von dir denen zu geben, mit denen du tanzt. Es ist nämlich nicht dasselbe alleine oder in Gemeinschaft zu tanzen. Gott ist Freude und Leben für mich. 

Und was ist das Besondere an der Spiritualität deiner Gemeinschaft? 

Für mich ist die Besonderheit das Erleben einer menschgewordenen Spiritualität. Eine Spiritualität, die ihren Platz mitten in der Zerbrechlichkeit hat. Ich sehe jeden Tag, wie die Menschen für ihr tägliches Brot kämpfen, die Gewalttätigkeit, die sich im Bösen zeigt, die manche Menschen ihren eigenen Geschwistern antun. Der fehlende Zugang zu grundlegenden würdigen Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche, alte Menschen, die arbeiten üssen, um Kinder zu versorgen, Korruption und so vieles mehr. Hier, mitten in dieser Realität die schmerzt, sind wir präsent, weil wir glauben, dass unsere Präsenz wichtig ist für die Leute. Das ist nicht nur unsere Überzeugung, sondern auch das, was wir von unseren Mitmenschen hören. Unsere Gemeinschaft begleitet unsere Mitmenschen und wir organisieren soziale Projekte (z.B. Lebensmittelhilfen für alte Menschen einmal pro Monat oder Hausaufgabenhilfe für Kinder), damit unsere Präsenz aktiv ist und durch konkrete Taten spürbar wird.  

Vielen Dank für das Gespräch!

Anna Murböck